Provokant, politisch, überraschend aktuell: Neue Ausstellung überzeugt mit spannenden Einblicken
27.01.2026 von Marcel Sroka
Kunst in Oberhausen
Pop Art – damit verbinden viele sofort Andy Warhol oder Roy Lichtenstein. Deutschland taucht in diesem Zusammenhang eher selten auf. Doch genau das ändert die neue Ausstellung „GERMAN POP ART – Zwischen Provokation und Mainstream“ in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen eindrucksvoll. Noch bis zum 3. Mai 2026 lädt die Schau dazu ein, eine oft unterschätzte, dafür umso spannendere Seite der Kunstgeschichte zu entdecken. Nach der überaus erfolgreichen Lindenberg-Ausstellung erwartet die Besucherinnen und Besucher direkt das nächste Highlight.
Der Abschluss einer Pop-Art-Trilogie
Nach Ausstellungen zur American Pop Art und British Pop Art bildet die German Pop Art nun den Abschluss einer Trilogie, mit der die LUDWIGGALERIE unterschiedliche nationale Ausprägungen dieser Kunstrichtung beleuchtet. Kuratorin Dr. Sarah Hülsewig macht deutlich: Deutsche Künstlerinnen und Künstler übernahmen zwar Techniken der Pop Art, gingen inhaltlich jedoch eigene Wege. Statt Konsumlust und Werbeästhetik dominierten hier Gesellschaftskritik, politische Provokation und Vergangenheitsbewältigung.
Drei Bereiche, ein starkes Gesamterlebnis
Die Ausstellung gliedert sich in drei zentrale Bereiche:
- Die Sammlung Heinz Beck
Herzstück der Schau ist die beeindruckende Sammlung des Düsseldorfer Rechtsanwalts Heinz Beck (1923–1988). Innerhalb von nur fünf Jahren trug er als Privatmann eine außergewöhnlich umfangreiche Kollektion zusammen – ursprünglich für sein eigenes Haus. Über 100 Leihgaben aus dieser Sammlung, die heute im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen bewahrt wird, sind nun in Oberhausen zu sehen. Eine logistische Meisterleistung, die von Restaurierung bis Transport viel Vorbereitung erforderte – und die bereits zum dritten Mal durch die enge Zusammenarbeit möglich wurde. - Das Skulpturenensemble „Die Bürger von B.“
Das größte Exponat der Ausstellung stammt aus dem Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen: die eindrucksvolle Skulpturengruppe „Die Bürger von B.“ von Siegfried Neuenhausen. Die figürlichen Skulpturen stehen ohne Sockel im Raum, ihre übermalten Mäntel und verfremdeten Gesichter symbolisieren die schweigende Masse während des Dritten Reiches – ein stilles, aber eindringliches Mahnmal. - Werke aus dem eigenen Bestand
Ergänzt wird die Schau durch rund 50 Arbeiten aus dem Bestand der LUDWIGGALERIE, die das Gesamtbild der deutschen Pop-Art-Bewegung abrunden.
Pop Art „made in Germany“: politisch statt plakativ
Während internationale Pop Art oft von Optimismus, grellen Farben und Massenkultur geprägt war, zeigte sich die deutsche Variante deutlich ernster. Die Kernzeit der German Pop Art liegt zwischen 1963 und 1975 – einer Phase, in der sich Künstler intensiv mit dem Wirtschaftswunder, Studentenprotesten, dem Vietnamkrieg und der unzureichenden Aufarbeitung der NS-Vergangenheit auseinandersetzten.
Die Bandbreite der Arbeiten ist groß:
- klassische Siebdrucke,
- verfremdete Fotografien,
- textlastige Werke mit dadaistischen Einflüssen,
- frühe Computergrafiken bei Künstlern wie Thomas Bayrle,
- starke Bildmetaphern wie Lippenstifte als Bomben bei Wolf Vostell oder die künstlerische Auseinandersetzung mit dem My-Lai-Massaker.
Zwischen Mao und Queen Elisabeth (Gerhard Richter verfremdete Fotos) liegen in der Ausstellung ideologisch Welten – räumlich aber oft nur wenige Meter. Genau diese Gegenüberstellungen machen den Rundgang so eindrucksvoll.
Große Namen, überraschende Geschichten
Zu sehen sind Arbeiten von 46 Künstlerinnen und Künstlern, darunter Joseph Beuys, Gerhard Richter, Sigmar Polke, Klaus Staeck und Siegfried Neuenhausen. Besonders spannend: Gerhard Richter war damals noch am Anfang seiner Karriere und auf schnelle Verkäufe angewiesen – heute zählt er zu den teuersten Künstlern der Welt. Kaum vorstellbar, dass Richter-Werke einst im Auftrag des NRW-Kultusministeriums sogar in Schulen hingen, um Schülerinnen und Schülern Kunst näherzubringen.
Erstaunlich aktuell – auch heute noch
Dass diese Kunst nichts von ihrer Relevanz verloren hat, zeigt ein ganz besonderes Detail der Ausstellung: Das aktuellste Werk stammt ebenfalls von Siegfried Neuenhausen. Obwohl der heute 94-jährige Künstler aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr persönlich nach Oberhausen kommen konnte, schickte er der Kuratorin eine Postkarte, in der er sich mit der Beziehung zwischen Trump und Putin auseinandersetzt. Ein Beweis dafür, dass er bis heute ein scharfer Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen geblieben ist.
„Es ist unfassbar, welche Aktualität diese Kunst aus den 1960er-Jahren auch heute noch hat“, bringt Direktorin Dr. Christine Vogt es auf den Punkt.
Mehr als nur Ausstellung: Führungen, Soundwalk & Jubiläum
Begleitend zur Schau gibt es Kuratorinnen- und Direktorinnenführungen, einen Soundwalk mit Musik der 60er- und 70er-Jahre, der das Zeitgefühl lebendig macht, sowie einen umfangreichen Ausstellungskatalog. Außerdem feiert der Freundeskreis der LUDWIGGALERIE sein 15-jähriges Bestehen – mit einem eigens eingerichteten kleinen Raum unter dem Dach.
Fazit: Ein Pflichtbesuch für Kunst- und Kulturfans
Die Ausstellung „GERMAN POP ART – Zwischen Provokation und Mainstream“ ist nicht nur ein Highlight für Kunstliebhaber, sondern auch ein starkes kulturelles Angebot für alle, die Oberhausen besuchen oder neu entdecken möchten. Sie zeigt, wie unbequem, politisch und zugleich faszinierend Pop Art in Deutschland war – und wie viel sie uns heute noch zu sagen hat.
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Mehr InformationenLUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Über den Autor
Marcel Sroka
Geschichtenerzähler, Faktenchecker, Ideengeber. Mit Leidenschaft für Oberhausen, Kleeblatt-Fan. "Lieber auffem Gasometer im Sturmesbrausen"
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